Bille

„Can I stay a bit longer?“ „Stay forever.“ – Über die vergebliche Suche nach der 90er-Romantik

Foto Notting Hill

Liebe ist einfach, Beziehungen sind schwer. Sich auf eine andere Person ganz und gar einzulassen – das ist der große Sprung ins kalte Wasser. Kein Sicherheitsnetz, keine Returntaste. Und genau das macht uns Angst. Wir fühlen uns, als gäben wir etwas auf. Wir entblößen unsere kleinen Macken, über die wir jahrelang ein Geschirrtuch gelegt haben. Pommes in der Badewanne essen, 80er-Horrorfilme an Weihnachten schauen, Luftpolsterfolie mit den Fingern zur Entspannung zerplatzen (ihr wisst, wovon ich spreche).
 
Ein Freund hat mir letztens eine interessante Frage gestellt: Worin liegt für dich der größte Unterschied zwischen Liebesfilmen aus den 90ern und den heutigen?
Meine Antwort war: die zeitliche Abfolge.
Die Filme von früher haben dem Zuschauer mehr zugetraut. Sie haben ihn mit einer bedächtigen, emotionalen Entfaltung gefüttert, ihm sogar erlaubt mitzufiebern. Ihn eingehüllt in Grunge-Klassiker, Zeuge werden lassen von etwas Einzigartigem. Und heute? Ein konstruiertes Problem jagt das nächste, und wir werden abgespeist mit anderthalb Stunden aus zähen Sprüchen, toxischen Heiß-Kalt-Spielchen, gekrönt mit brennenden Rooftops.            
                                                                       
Wann sind die Filme so geworden? Wann sind wir so geworden?
In Filmen wie Stadt der Engel, Notting Hill und Singles ging es um die Verbindung zweier Menschen, die nach etwas Echtem suchten. Unverfälscht, Ehrlich. Vielleicht nicht immer aufregend, aber besonders. Das einzige, was dazwischenfunkte, war das Leben – oder der Tod.
In Singles aus dem Jahr 1992 ist niemand unzerkratzt. Jeder trägt seine Erfahrungen mit sich herum – mal verzichtbar, mal prägend. Und trotzdem suchen alle weiter nach der großen Liebe.
Keine Handys, also heißt es Heimhetzen und hoffen, dass der Anrufbeantworter blinkt.
Kein Swipe nach rechts, sondern Worte. Keine Emojis, sondern Umarmungen.
Das war Romantik. Gemeinsam Platten hören (die guten!), den Abwasch erledigen, während der Trockner läuft. Dabei herziehen über die U-Bahn und im gleichen Atemzug über Autofahrer, die die Umwelt verpesten. Bleiben wollen, aber gehen müssen, um das Knistern nicht zu gefährden. Und vor allem: Aufgehalten werden wollen. Um jeden Preis aufgehalten werden wollen.
 
Ich rede hier nicht von „Das Warten hat ein Ende“ oder „Durch dich bin ich endlich ein Ganzes“. Es geht darum, gesehen zu werden. Fluchtresistent an guten Tagen, schlechten Tagen und allen dazwischen. Keine Spielchen. Vollkommene Unvollkommenheit.
Wer vermisst das noch von euch?
Denken wir an Notting Hill (1999): William Thacker, der Reisebuchhändler mit den schönsten Haaren Englands, kann kaum atmen in der Nähe von Hollywoodstar Anna Scott.
Oder blättern wir ein Jahr zurück zu Stadt der Engel. Ein Mann, der den Himmel (!) sausen lässt für den Menschen seiner Träume.
Diese Filme mit leisen Momenten, die laute Emotionen auslösen, stecken selbst Menschen mit Spliss in der Seele an. Sie flüstern uns zu: Verlieb dich! Es macht dich leichter, ein bisschen dumm, verwundbar.
 
Ja, Fühlen, hilflos sein dürfen vor dem anderen, ist nichts für Feiglinge.
Aber ist es das nicht wert für ein sattes Herz?
Ich höre im Chor Seth, William Thacker und Dorothy Boyd rufen:
„JA! Tausendmal ja!“

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